Brillies
Hi, mein Name ist Mylène und ich trage eine Flaschenboden-Brille. Diese Brille hat sehr dicke Gläser und sieht nicht besonders schön aus. Mein Papa ist der Beste. Er hat mir gesagt, dass ich diese Brille brauche, um meine Augen zu stärken. Seit ich sie trage, kämpfe ich mit einigen Herausforderungen.
Manchmal leide ich unter starken Konzentrationsstörungen und fühle mich kraftlos. Ich nehme alles verstärkt wahr – was im Umkehrschluss bedeutet, dass mir eine Schutzschicht fehlt. Ich bin Dünnhäutig. Kleine To-dos erscheinen mir riesengross, und ich fühle mich von ihnen bedroht. Mit dieser Brille bin ich nicht zufrieden, deshalb teile ich das meinem Papa mit. Doch er sagt nur: «Habe Geduld.» Nicht einmal Papa hilft mir. Also halte ich an der Hoffnung fest. Bestimmt wird es bald besser. Ich schleppe mich durch die Tage und Wochen – doch eine Besserung bleibt aus.
Im Verlauf meiner Zeit mit der Flaschenboden-Brille begegne ich einer Person, die eine unauffällige Brille trägt. Ich unterhalte mich mit ihr. Sie sagt: «Überforderung und ein verzerrtes Selbstbild haben bestimmt deine Augen geschwächt. Deshalb musst du jetzt diese leidige Brille tragen.» Dann bietet sie mir an: «Melde dich einfach, wenn du Hilfe brauchst.» Gleichzeitig spüre ich, dass sie mir indirekt vermittelt, eigentlich keine Zeit zu haben. Hm, ich möchte anderen nicht zur Last fallen. Vielleicht könnte ich mir anderweitig Hilfe organisieren? Ach nein, das würde mich zu viel Kraft kosten. Ich komme ja gerade noch so durch den Alltag. Es wird bestimmt bald besser. Also bündle ich meine Kräfte so gut wie möglich und funktioniere im Überlebensmodus.
Ich spreche mit meinem Papa über meinen Alltag. Zunehmend verzweifle ich an seiner immer wiederkehrenden Aussage: «Habe Geduld.» Er meint, dass dies für unbestimmte Zeit die richtige Brille für mich ist. Ich verstehe es zwar nicht, doch weil ich meinem Papa vertraue und weiss, dass er das Beste für mich will, trage ich die Flaschenboden-Brille weiterhin.
Die Einschätzung des Unauffällig-Brillie zur Ursache meiner schwächelnden Augen lässt mich nicht los. Meine eigene Einschätzung fällt anders aus. Ich fühle mich aufgrund der Flaschenboden-Brille überlastet. Für meine geschwächten Augen sind mehrere Faktoren verantwortlich. Die eigentliche Ursache hat jedoch primär nichts mit alltäglicher Überforderung oder einem verzerrten Selbstbild zu tun.
Seit ich diese Brille trage, verheddere ich mich ständig in meinen To-dos, was mich verständlicherweise an meinen Fähigkeiten zweifeln lässt. Irgendwann breche ich innerlich zusammen. Es ergibt einfach keinen Sinn mehr. Doch Papa sagt weiterhin: «Ich bin da. Hab Geduld.»
Nun werde ich von ausgebildeten Fachpersonen für Flaschenboden-Brillies betreut. Von einem Tag auf den anderen wird mein Kampf mit der Flaschenboden-Brille öffentlich, weil ich in eine Klinik muss. Das Personal führt Gespräche mit mir und gibt mir theoretische Hilfestellungen. Irgendwie hat das alles jedoch wenig mit meinem individuellen Erleben und Alltag zu tun. Ich spüre, dass viele dieser «professionellen» Menschen noch nie selbst eine Flaschenboden-Brille getragen haben. Sie machen einfach ihren Job. Doch niemand scheint wirklich zu verstehen, was ich brauche.
Ich frage mich: Warum gibt es in unserer Gesellschaft kaum Laien, die annähernd die Kunst der Einfühlsamkeit und das Kommunizieren auf Augenhöhe beherrschen? Weshalb stellt sich aus meinem Umfeld niemand ein paar Monate mit echtem Interesse an meine Seite und hält mit mir aus? Langsam keimt in mir eine Ahnung auf. Unsere individualistisch geprägte Gesellschaft scheint darauf ausgerichtet zu sein, die Grenze der Mitmenschlichkeit rasch zu ziehen. Der Schwerpunkt liegt auf Selbstfürsorge statt auf Co-Fürsorge. Ich habe Selbstfürsorge nicht geschafft, also büsse ich jetzt. Für Flaschenboden-Brillies gibt es schliesslich Spezialeinrichtungen – und so können sich Laien getrost aus der Verantwortung ziehen.
Externalisiere ich damit mein Problem? Ich glaube nicht. Vielmehr spüre und erlebe ich sehr deutlich etwas, das viele nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen.
Die Flaschenboden-Brille ist der eine Kampf. Der Kampf mit dem Umfeld ist der andere.
Diesmal treffe ich eine Person, die eine leicht rosa getönte Brille trägt. Ich erzähle ihr, wie schwierig mein Alltag geworden ist und dass ich mich zu nichts mehr fähig fühle. Ohne einen Moment innezuhalten, sagt sie: «Du weisst nicht, wie traurig es mich macht, dass du von dir denkst, nichts zu können.» Sofort schiesst mir der Gedanke durch den Kopf: «Oje, schon wieder ist jemand von mir enttäuscht.» Die Person fügt noch hinzu: «Denke doch einmal darüber nach, wofür du dankbar sein kannst.» Ok, schon wieder kraftraubende Denkarbeit. Ich soll etwas denken und fühlen, wozu ich mit der Flaschenboden-Brille schlicht nicht fähig bin. Wer weiss – vielleicht kauft mir mein Papa ja eine rosa getönte Flaschenboden-Brille?
Als Nächstes begegne ich jemandem mit einer dunklen Sonnenbrille. Ich kann ihr kaum in die Augen sehen. Mein Grundvertrauen ist jedoch stärker, deshalb öffne ich mein Inneres und erzähle ein wenig von dem, was mich bewegt. Sie legt mir nahe, mein Selbstbild, meine Identität und Fragen der Versöhnung zu prüfen. Schon wieder kraftraubende Denkarbeit. Immer wieder gehe ich tief in mich hinein und suche nach dem entscheidenden Fehler. Ich hinterfrage mich, schaue in jeden Winkel meines Herzens. Es wirft mich um Meilen zurück. War ich nicht schon unzählige Male an diesem Punkt? Habe ich mich in den vergangenen Wochen und Monaten nicht immer wieder hinterfragt und mich ungenügend gefühlt?
Ich verzweifle beinahe an solchen Impulsen, die nicht nur vom Sonnenbrillie kommen, sondern auch von vielen anderen Brillies. Es macht mich traurig. Diese Menschen begegnen mir nicht auf Augenhöhe. Ich zeige mich ihnen offen, doch sie geben im Gegenzug kaum etwas von ihren eigenen Herausforderungen preis. Und wieder bleibt der Nachgeschmack eines individualisierten Problems zurück. Das Problem der Flaschenboden-Brille soll angeblich einzig und allein bei mir liegen – irgendwo in einem verborgenen, unauffindbaren Winkel meines Herzens.
Unabhängig von den kraftraubenden Impulsen aus meinem Umfeld kann ich der Flaschenboden-Brille inzwischen auch etwas Positives abgewinnen: Sie regt zur Reflexion an. Sie lenkt den Blick zurück in die Vergangenheit, um das Gegenwärtige besser einordnen zu können. Jeder Mensch ist herausgefordert, sich seinen Prägungsmustern zu stellen – unabhängig davon, ob er eine Flaschenboden-Brille oder eine andere Brille trägt. Die Flaschenboden-Brille bietet jedoch eine besondere Chance, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und neue Richtungen einzuschlagen.
Ich spreche mit einer Person, die eine Brille mit kleinen Gläsern trägt. Im Gespräch nehme ich eine gewisse Ungeduld wahr. Das ohnehin nicht sehr breite Unterstützungsnetz scheint zunehmend die Geduld zu verlieren. Indirekt wird mir vermittelt, dass nun der nächste Schritt von mir erwartet wird. So werde ich gewissermassen zurück in den Alltag geschoben – unabhängig davon, ob ich dazu bereit bin oder nicht. Ich werde auch nicht darin unterstützt, eine für mich passende Anschlusslösung zu organisieren. Ein unnötiger Stressfaktor, der meinen Genesungsprozess zurückzuwerfen droht.
Ausserdem konfrontiert mich die Person in tadelndem Ton mit einer Situation, in der ich angeblich gleichgültig gehandelt habe. Ich falle aus allen Wolken. Seit Wochen versuche ich lediglich, mich über Wasser zu halten. Meine ganze Energie setze ich dafür ein, meine Kräfte bestmöglich zu bündeln, um überhaupt durch den Alltag zu kommen. Nicht eine Sekunde lang habe ich bewusst gleichgültig gehandelt. Manche Dinge sind für mich schlicht in den Hintergrund gerückt. Eine solche Standpauke ist für einen Menschen mit einer Flaschenboden-Brille wahrlich nicht hilfreich.
Ein anderes Mal begegne ich wiederholt einer Person mit einer Virtuellen Brille. Erneut stellt sie die klassische Frage: «Wie geht’s?» Auch diesmal antworte ich offen und ehrlich und erzähle, wie es mir mit der Flaschenboden-Brille geht. Doch zunehmend werde ich misstrauisch. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Person nicht wirklich an mir als Mensch interessiert ist, sondern vor allem Neuigkeiten erfahren möchte. Es scheint mir, als lebe sie in ihrer eigenen Bubble.
Zwei Personen mit schwarzen Brillenrändern bieten mir regelmässige praktische Unterstützung vor Ort an. Ein seltenes Angebot, das ich dankbar annehme. Also stehen sie das erste Mal in meiner Wohnung – bereit anzupacken. Zumindest glaube ich das. Ja, sie stehen da – unbeholfen. Sie fragen nicht, was mir im Moment am meisten dienen würde. Stattdessen beobachten sie mich, und es fallen unpassende Bemerkungen. Wieder kostet es mich Kraft.
Diesmal begegne ich einer anderen Person mit einer Virtuellen Brille. Sie ist älter, und aufgrund ihrer Lebenserfahrung erhoffe ich mir eine ermutigende Begegnung. Wieder gewähre ich Einblick in mein Inneres. Doch dann fallen Aussagen wie: «Wie haben es nur die Mütter in früheren Zeiten geschafft?» oder: «Früher hätte man dir gesagt, du sollst dich einfach zusammenreissen.» Ich bin so perplex, dass ich keine Antwort finde. Anschliessend erzählt sie von einer anderen Person mit Flaschenboden-Brille, die sie als schwach beurteilt. Auch diese Person scheint in ihrer eigenen Bubble zu leben. Sie schafft es nicht, mein Erleben mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen.
Erneut begegne ich der Person mit der rosa getönten Brille. Sie fragt mich: «Und, bist du wieder dich selbst?» Hä? Ich war doch die ganze Zeit ich selbst – einfach mit dieser Flaschenboden-Brille. Wieder beschleicht mich das Gefühl, über meine Flaschenboden-Brille definiert zu werden. Wenn mir die Brillies begegnen, sehen sie die unschöne Flaschenboden-Brille – und nicht Mylène, die Person, die ich bin. Langsam beginne ich, mich zurückzuziehen.
So komme ich nicht weiter. Ich frage meinen Papa, warum die Menschen den Umgang mit Flaschenboden-Brillies nicht beherrschen. Er schlägt mir vor, eine Person aufzusuchen, die die Kunst der Einfühlsamkeit versteht. Also gehe ich zu dieser Person, die zu meinem Erstaunen keine Brille trägt. Ich frage sie, weshalb sie keine Brille trägt. Sie antwortet: «Ich trage zwar keine Brille, dafür Linsen.» Ihr Blick wirkt freundlich und offen. Ich kann ihr ungehindert in die Augen schauen. Zum ersten Mal fühle ich mich sicher und gesehen – als die, die ich wirklich bin.
Immer noch versuche ich nachzuvollziehen, warum Laien im Umgang und in der Kommunikation mit Flaschenboden-Brillies so unbeholfen sind. Ich spreche mit meinem Papa darüber.
«Papa, mich beschäftigt, dass Menschen aus meinem Umfeld mir immer wieder vermitteln, ich hätte ein bestimmtes Problem – zum Beispiel mit meiner Identität, irgendwelchen Komplexen oder mit Versöhnung – und deshalb müsse ich diese Flaschenboden-Brille tragen. Ich mache mich deswegen beinahe verrückt. Ständig bekomme ich das Gefühl vermittelt, falsch zu sein und einfach nicht zu genügen. Dabei hat doch jeder Mensch seine eigenen Herausforderungen – unabhängig davon, ob er eine Flaschenboden-Brille oder eine andere Art von Brille trägt. Niemand schafft es wirklich, mit mir auf Augenhöhe zu sprechen.»
Liebevoll schaut mir Papa in die Augen und sagt:
«Liebe Mylène, tatsächlich beherrschen nicht viele Menschen die Kunst der Einfühlsamkeit und sind gleichzeitig fähig zu differenzieren. Obwohl Anregungen zu Themen wie Identität oder Versöhnung nicht grundsätzlich falsch sind, ist die Art und Weise der Vermittlung entscheidend.
Flaschenboden-Brillies sind häufig kraftlos, und es ist eine grosse Herausforderung, die eigenen Kräfte einzuteilen. Wenn dann von aussen Fragestellungen an einen herangetragen werden, die zum Denken und Handeln auffordern, ist dies oft der falsche Ansatz. Die Negativspirale dreht sich dadurch nur weiter.
Deshalb sage ich dir: Mylene, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich sehe, dass dein Herz aufrichtig ist. Du bist genug, weil du mein Kind bist und daran glaubst. Kein Mensch ist aus sich selbst heraus genügend. Deshalb ist jeder Mensch auf meinen Sohn Jesus Christus angewiesen.
Schau, auch Hiob, von dem in der Bibel berichtet wird, hatte nicht ein bestimmtes Problem. Trotzdem habe ich – auch er ist mein Kind – in seinem Leben viel Leid zugelassen. Sein Umfeld wusste ebenfalls nicht besser, wie sie mit seinem Leiden umgehen sollten. Natürlich tragen die Menschen auch die Konsequenzen für ihr Verhalten und Handeln oder ihren Lebensstil. Aber nicht jedem Leid – sei es sichtbar oder unsichtbar – liegt eine explizite, persönliche Konsequenz vor. Die Welt dreht sich grundsätzlich in Mangel und Zerfall, als Konsequenz des Ungehorsams der ersten Menschen.
Laien, die die Kunst der Einfühlsamkeit beherrschen und über Wochen und Monate ein Stück Lebensweg mit echtem Interesse und dienlicher Unterstützung mitgehen, sind ein Geschenk.
Ich wünschte mir, die Menschen würden ihren Verstand, ihr Gehirn – dieses unglaubliche Schöpfungswunder – mit mehr Weisheit einsetzen und ihr Potenzial zur Lernfähigkeit stärker ausschöpfen. Manchmal denken sie sehr einseitig: Nur Papa kann Herzen bewegen. Würden die Menschen doch die Gaben und Möglichkeiten, die ich ihnen gegeben habe, bewusster einsetzen. Dann wäre der Zugang zu den Herzen ihrer Mitmenschen für mich leichter.»
«Papa, kannst du mir jetzt sagen, was mir die Flaschenboden-Brille wirklich hilft?»
«Schau, deine Innere und Äussere Beschaffenheit wird in leistungsorientierten Strukturen von aussen häufig als Schwäche beurteilt. Auch die Flaschenboden-Brille wird als Problem individualisiert. Ich habe zugelassen, dass deine Flaschenboden-Brille sichtbar und öffentlich wird.
Wie jeder Mensch hast auch du eine goldene Kehrseite. Durch dich möchte ich leuchten. Mit der Flaschenboden-Brille habe ich dir einen Weg bereitet, damit mein Leuchten durch dich noch stärker sichtbar wird.»
Papa nimmt mich in seine Armen und flüstert mir liebevoll ins Ohr: «Ich habe Freude an dir.» Nach einer Weile sagt er: «Geh und umarme deinen Nächsten».
Ich springe bereits davon als mir Papa nachruft: «Warte!» Ich halte an und schaue zu ihm. Er sagt: «Leute, die dich systematisch beleidigen, abwerten und zurückweisen, bei denen verlange ich nicht, dass du diese physisch umarmst. Oder wenn sie zu dir nur freundlich sind, wenn du schweigst und nachgibst. Dasselbe bei heuchlerischen Entschuldigungen. Es ist wichtiger, dass du eine angemessene Distanz wahrst und dein Herz hütest, denn von ihm geht Leben aus. Es genügt, wenn du diese Leute im Herzen versuchst zu umarmen.»
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