Brillies

Hi, mein Name ist Mylène und ich trage eine Flaschenboden-Brille. Diese Brille hat sehr dicke Gläser und sieht nicht besonders schön aus. Mein Papa ist der Beste. Er hat mir gesagt, dass ich diese Brille brauche, um meine Augen zu stärken. Seit ich sie trage, kämpfe ich mit einigen Herausforderungen.

Manchmal leide ich unter starken Konzentrationsstörungen und fühle mich kraftlos. Ich nehme alles verstärkt wahr – was im Umkehrschluss bedeutet, dass mir eine Schutzschicht fehlt. Ich bin Dünnhäutig. Kleine To-dos erscheinen mir riesengross, und ich fühle mich von ihnen bedroht. Mit dieser Brille bin ich nicht zufrieden, deshalb teile ich das meinem Papa mit. Doch er sagt nur: «Habe Geduld.» Nicht einmal Papa hilft mir. Also halte ich an der Hoffnung fest. Bestimmt wird es bald besser. Ich schleppe mich durch die Tage und Wochen – doch eine Besserung bleibt aus.

Im Verlauf meiner Zeit mit der Flaschenboden-Brille begegne ich einer Person, die eine unauffällige Brille trägt. Ich unterhalte mich mit ihr. Sie sagt: «Überforderung und ein verzerrtes Selbstbild haben bestimmt deine Augen geschwächt. Deshalb musst du jetzt diese leidige Brille tragen.» Dann bietet sie mir an: «Melde dich einfach, wenn du Hilfe brauchst.» Gleichzeitig spüre ich, dass sie mir indirekt vermittelt, eigentlich keine Zeit zu haben. Hm, ich möchte anderen nicht zur Last fallen. Vielleicht könnte ich mir anderweitig Hilfe organisieren? Ach nein, das würde mich zu viel Kraft kosten. Ich komme ja gerade noch so durch den Alltag. Es wird bestimmt bald besser. Also bündle ich meine Kräfte so gut wie möglich und funktioniere im Überlebensmodus.

Ich spreche mit meinem Papa über meinen Alltag. Zunehmend verzweifle ich an seiner immer wiederkehrenden Aussage: «Habe Geduld.» Er meint, dass dies für unbestimmte Zeit die richtige Brille für mich ist. Ich verstehe es zwar nicht, doch weil ich meinem Papa vertraue und weiss, dass er das Beste für mich will, trage ich die Flaschenboden-Brille weiterhin.

Die Einschätzung des Unauffällig-Brillie zur Ursache meiner schwächelnden Augen lässt mich nicht los. Meine eigene Einschätzung fällt anders aus. Ich fühle mich aufgrund der Flaschenboden-Brille überlastet. Für meine geschwächten Augen sind mehrere Faktoren verantwortlich. Die eigentliche Ursache hat jedoch primär nichts mit alltäglicher Überforderung oder einem verzerrten Selbstbild zu tun.

Seit ich diese Brille trage, verheddere ich mich ständig in meinen To-dos, was mich verständlicherweise an meinen Fähigkeiten zweifeln lässt. Irgendwann breche ich innerlich zusammen. Es ergibt einfach keinen Sinn mehr. Doch Papa sagt weiterhin: «Ich bin da. Hab Geduld.»

Nun werde ich von ausgebildeten Fachpersonen für Flaschenboden-Brillies betreut. Von einem Tag auf den anderen wird mein Kampf mit der Flaschenboden-Brille öffentlich, weil ich in eine Klinik muss. Das Personal führt Gespräche mit mir und gibt mir theoretische Hilfestellungen. Irgendwie hat das alles jedoch wenig mit meinem individuellen Erleben und Alltag zu tun. Ich spüre, dass viele dieser «professionellen» Menschen noch nie selbst eine Flaschenboden-Brille getragen haben. Sie machen einfach ihren Job. Doch niemand scheint wirklich zu verstehen, was ich brauche.

Ich frage mich: Warum gibt es in unserer Gesellschaft kaum Laien, die annähernd die Kunst der Einfühlsamkeit und das Kommunizieren auf Augenhöhe beherrschen? Weshalb stellt sich aus meinem Umfeld niemand ein paar Monate mit echtem Interesse an meine Seite und hält mit mir aus? Langsam keimt in mir eine Ahnung auf. Unsere individualistisch geprägte Gesellschaft scheint darauf ausgerichtet zu sein, die Grenze der Mitmenschlichkeit rasch zu ziehen. Der Schwerpunkt liegt auf Selbstfürsorge statt auf Co-Fürsorge. Ich habe Selbstfürsorge nicht geschafft, also büsse ich jetzt. Für Flaschenboden-Brillies gibt es schliesslich Spezialeinrichtungen – und so können sich Laien getrost aus der Verantwortung ziehen.

Externalisiere ich damit mein Problem? Ich glaube nicht. Vielmehr spüre und erlebe ich sehr deutlich etwas, das viele nicht sehen oder nicht wahrhaben wollen.

Die Flaschenboden-Brille ist der eine Kampf. Der Kampf mit dem Umfeld ist der andere.

Diesmal treffe ich eine Person, die eine leicht rosa getönte Brille trägt. Ich erzähle ihr, wie schwierig mein Alltag geworden ist und dass ich mich zu nichts mehr fähig fühle. Ohne einen Moment innezuhalten, sagt sie: «Du weisst nicht, wie traurig es mich macht, dass du von dir denkst, nichts zu können.» Sofort schiesst mir der Gedanke durch den Kopf: «Oje, schon wieder ist jemand von mir enttäuscht.» Die Person fügt noch hinzu: «Denke doch einmal darüber nach, wofür du dankbar sein kannst.» Ok, schon wieder kraftraubende Denkarbeit. Ich soll etwas denken und fühlen, wozu ich mit der Flaschenboden-Brille schlicht nicht fähig bin. Wer weiss – vielleicht kauft mir mein Papa ja eine rosa getönte Flaschenboden-Brille?

Als Nächstes begegne ich jemandem mit einer dunklen Sonnenbrille. Ich kann ihr kaum in die Augen sehen. Mein Grundvertrauen ist jedoch stärker, deshalb öffne ich mein Inneres und erzähle ein wenig von dem, was mich bewegt. Sie legt mir nahe, mein Selbstbild, meine Identität und Fragen der Versöhnung zu prüfen. Schon wieder kraftraubende Denkarbeit. Immer wieder gehe ich tief in mich hinein und suche nach dem entscheidenden Fehler. Ich hinterfrage mich, schaue in jeden Winkel meines Herzens. Es wirft mich um Meilen zurück. War ich nicht schon unzählige Male an diesem Punkt? Habe ich mich in den vergangenen Wochen und Monaten nicht immer wieder hinterfragt und mich ungenügend gefühlt?

Ich verzweifle beinahe an solchen Impulsen, die nicht nur vom Sonnenbrillie kommen, sondern auch von vielen anderen Brillies. Es macht mich traurig. Diese Menschen begegnen mir nicht auf Augenhöhe. Ich zeige mich ihnen offen, doch sie geben im Gegenzug kaum etwas von ihren eigenen Herausforderungen preis. Und wieder bleibt der Nachgeschmack eines individualisierten Problems zurück. Das Problem der Flaschenboden-Brille soll angeblich einzig und allein bei mir liegen – irgendwo in einem verborgenen, unauffindbaren Winkel meines Herzens.

Unabhängig von den kraftraubenden Impulsen aus meinem Umfeld kann ich der Flaschenboden-Brille inzwischen auch etwas Positives abgewinnen: Sie regt zur Reflexion an. Sie lenkt den Blick zurück in die Vergangenheit, um das Gegenwärtige besser einordnen zu können. Jeder Mensch ist herausgefordert, sich seinen Prägungsmustern zu stellen – unabhängig davon, ob er eine Flaschenboden-Brille oder eine andere Brille trägt. Die Flaschenboden-Brille bietet jedoch eine besondere Chance, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und neue Richtungen einzuschlagen.

Ich spreche mit einer Person, die eine Brille mit kleinen Gläsern trägt. Im Gespräch nehme ich eine gewisse Ungeduld wahr. Das ohnehin nicht sehr breite Unterstützungsnetz scheint zunehmend die Geduld zu verlieren. Indirekt wird mir vermittelt, dass nun der nächste Schritt von mir erwartet wird. So werde ich gewissermassen zurück in den Alltag geschoben – unabhängig davon, ob ich dazu bereit bin oder nicht. Ich werde auch nicht darin unterstützt, eine für mich passende Anschlusslösung zu organisieren. Ein unnötiger Stressfaktor, der meinen Genesungsprozess zurückzuwerfen droht.

Ausserdem konfrontiert mich die Person in tadelndem Ton mit einer Situation, in der ich angeblich gleichgültig gehandelt habe. Ich falle aus allen Wolken. Seit Wochen versuche ich lediglich, mich über Wasser zu halten. Meine ganze Energie setze ich dafür ein, meine Kräfte bestmöglich zu bündeln, um überhaupt durch den Alltag zu kommen. Nicht eine Sekunde lang habe ich bewusst gleichgültig gehandelt. Manche Dinge sind für mich schlicht in den Hintergrund gerückt. Eine solche Standpauke ist für einen Menschen mit einer Flaschenboden-Brille wahrlich nicht hilfreich.

Ein anderes Mal begegne ich wiederholt einer Person mit einer Virtuellen Brille. Erneut stellt sie die klassische Frage: «Wie geht’s?» Auch diesmal antworte ich offen und ehrlich und erzähle, wie es mir mit der Flaschenboden-Brille geht. Doch zunehmend werde ich misstrauisch. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Person nicht wirklich an mir als Mensch interessiert ist, sondern vor allem Neuigkeiten erfahren möchte. Es scheint mir, als lebe sie in ihrer eigenen Bubble.

Zwei Personen mit schwarzen Brillenrändern bieten mir regelmässige praktische Unterstützung vor Ort an. Ein seltenes Angebot, das ich dankbar annehme. Also stehen sie das erste Mal in meiner Wohnung – bereit anzupacken. Zumindest glaube ich das. Ja, sie stehen da – unbeholfen. Sie fragen nicht, was mir im Moment am meisten dienen würde. Stattdessen beobachten sie mich, und es fallen unpassende Bemerkungen. Wieder kostet es mich Kraft.

Diesmal begegne ich einer anderen Person mit einer Virtuellen Brille. Sie ist älter, und aufgrund ihrer Lebenserfahrung erhoffe ich mir eine ermutigende Begegnung. Wieder gewähre ich Einblick in mein Inneres. Doch dann fallen Aussagen wie: «Wie haben es nur die Mütter in früheren Zeiten geschafft?» oder: «Früher hätte man dir gesagt, du sollst dich einfach zusammenreissen.» Ich bin so perplex, dass ich keine Antwort finde. Anschliessend erzählt sie von einer anderen Person mit Flaschenboden-Brille, die sie als schwach beurteilt. Auch diese Person scheint in ihrer eigenen Bubble zu leben. Sie schafft es nicht, mein Erleben mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen.

Erneut begegne ich der Person mit der rosa getönten Brille. Sie fragt mich: «Und, bist du wieder dich selbst?» Hä? Ich war doch die ganze Zeit ich selbst – einfach mit dieser Flaschenboden-Brille. Wieder beschleicht mich das Gefühl, über meine Flaschenboden-Brille definiert zu werden. Wenn mir die Brillies begegnen, sehen sie die unschöne Flaschenboden-Brille – und nicht Mylène, die Person, die ich bin. Langsam beginne ich, mich zurückzuziehen.

So komme ich nicht weiter. Ich frage meinen Papa, warum die Menschen den Umgang mit Flaschenboden-Brillies nicht beherrschen. Er schlägt mir vor, eine Person aufzusuchen, die die Kunst der Einfühlsamkeit versteht. Also gehe ich zu dieser Person, die zu meinem Erstaunen keine Brille trägt. Ich frage sie, weshalb sie keine Brille trägt. Sie antwortet: «Ich trage zwar keine Brille, dafür Linsen.» Ihr Blick wirkt freundlich und offen. Ich kann ihr ungehindert in die Augen schauen. Zum ersten Mal fühle ich mich sicher und gesehen – als die, die ich wirklich bin.

Immer noch versuche ich nachzuvollziehen, warum Laien im Umgang und in der Kommunikation mit Flaschenboden-Brillies so unbeholfen sind. Ich spreche mit meinem Papa darüber.

«Papa, mich beschäftigt, dass Menschen aus meinem Umfeld mir immer wieder vermitteln, ich hätte ein bestimmtes Problem – zum Beispiel mit meiner Identität, irgendwelchen Komplexen oder mit Versöhnung – und deshalb müsse ich diese Flaschenboden-Brille tragen. Ich mache mich deswegen beinahe verrückt. Ständig bekomme ich das Gefühl vermittelt, falsch zu sein und einfach nicht zu genügen. Dabei hat doch jeder Mensch seine eigenen Herausforderungen – unabhängig davon, ob er eine Flaschenboden-Brille oder eine andere Art von Brille trägt. Niemand schafft es wirklich, mit mir auf Augenhöhe zu sprechen.»

Liebevoll schaut mir Papa in die Augen und sagt:

«Liebe Mylène, tatsächlich beherrschen nicht viele Menschen die Kunst der Einfühlsamkeit und sind gleichzeitig fähig zu differenzieren. Obwohl Anregungen zu Themen wie Identität oder Versöhnung nicht grundsätzlich falsch sind, ist die Art und Weise der Vermittlung entscheidend.

Flaschenboden-Brillies sind häufig kraftlos, und es ist eine grosse Herausforderung, die eigenen Kräfte einzuteilen. Wenn dann von aussen Fragestellungen an einen herangetragen werden, die zum Denken und Handeln auffordern, ist dies oft der falsche Ansatz. Die Negativspirale dreht sich dadurch nur weiter.

Deshalb sage ich dir: Mylene, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich sehe, dass dein Herz aufrichtig ist. Du bist genug, weil du mein Kind bist und daran glaubst. Kein Mensch ist aus sich selbst heraus genügend. Deshalb ist jeder Mensch auf meinen Sohn Jesus Christus angewiesen.

Schau, auch Hiob, von dem in der Bibel berichtet wird, hatte nicht ein bestimmtes Problem. Trotzdem habe ich – auch er ist mein Kind – in seinem Leben viel Leid zugelassen. Sein Umfeld wusste ebenfalls nicht besser, wie sie mit seinem Leiden umgehen sollten. Natürlich tragen die Menschen auch die Konsequenzen für ihr Verhalten und Handeln oder ihren Lebensstil. Aber nicht jedem Leid – sei es sichtbar oder unsichtbar – liegt eine explizite, persönliche Konsequenz vor. Die Welt dreht sich grundsätzlich in Mangel und Zerfall, als Konsequenz des Ungehorsams der ersten Menschen.

Laien, die die Kunst der Einfühlsamkeit beherrschen und über Wochen und Monate ein Stück Lebensweg mit echtem Interesse und dienlicher Unterstützung mitgehen, sind ein Geschenk.

Ich wünschte mir, die Menschen würden ihren Verstand, ihr Gehirn – dieses unglaubliche Schöpfungswunder – mit mehr Weisheit einsetzen und ihr Potenzial zur Lernfähigkeit stärker ausschöpfen. Manchmal denken sie sehr einseitig: Nur Papa kann Herzen bewegen. Würden die Menschen doch die Gaben und Möglichkeiten, die ich ihnen gegeben habe, bewusster einsetzen. Dann wäre der Zugang zu den Herzen ihrer Mitmenschen für mich leichter.»

«Papa, kannst du mir jetzt sagen, was mir die Flaschenboden-Brille wirklich hilft?»

«Schau, deine Innere und Äussere Beschaffenheit wird in leistungsorientierten Strukturen von aussen häufig als Schwäche beurteilt. Auch die Flaschenboden-Brille wird als Problem individualisiert. Ich habe zugelassen, dass deine Flaschenboden-Brille sichtbar und öffentlich wird.

Wie jeder Mensch hast auch du eine goldene Kehrseite. Durch dich möchte ich leuchten. Mit der Flaschenboden-Brille habe ich dir einen Weg bereitet, damit mein Leuchten durch dich noch stärker sichtbar wird.»

Papa nimmt mich in seine Armen und flüstert mir liebevoll ins Ohr: «Ich habe Freude an dir.» Nach einer Weile sagt er: «Geh und umarme deinen Nächsten».

Ich springe bereits davon als mir Papa nachruft: «Warte!» Ich halte an und schaue zu ihm. Er sagt: «Leute, die dich systematisch beleidigen, abwerten und zurückweisen, bei denen verlange ich nicht, dass du diese physisch umarmst. Oder wenn sie zu dir nur freundlich sind, wenn du schweigst und nachgibst. Dasselbe bei heuchlerischen Entschuldigungen. Es ist wichtiger, dass du eine angemessene Distanz wahrst und dein Herz hütest, denn von ihm geht Leben aus. Es genügt, wenn du diese Leute im Herzen versuchst zu umarmen.»

Anregungen für den Umgang mit Menschen mit Depressionen

Die nachfolgenden Anregungen sollen zu einem angemessenen und unterstützenden Umgang mit Menschen mit Depressionen beitragen. Sie basieren auf persönlichen Erfahrungen.

Neben Fachpersonen spielt auch das Umfeld eine entscheidende Rolle für Menschen mit einer Depression. Damit diese Unterstützung hilfreich ist, gilt es einige wichtige Aspekte zu beachten. Besonders wichtig sind ein respektvoller, wertschätzender und achtsamer Umgang auf Augenhöhe.

Depression verstehen

Für Menschen, die selbst nie eine Funktionsstörung hatten, ist es oft schwierig nachzuvollziehen, wie sich diese anfühlt. Eines der Hauptsymptome ist die ausgeprägte Antriebslosigkeit. Treffender wäre aus meiner Sicht der Begriff Kraftlosigkeit.

Je nach Schweregrad lässt sich eine Depression mit einer Grippe vergleichen. Wer mit 40 Grad Fieber im Bett liegt, hat schlicht nicht die Kraft aufzustehen. Niemand würde in einer solchen Situation verlangen, sich einfach zusammenzureissen. Bei einer Depression hält diese Kraftlosigkeit jedoch nicht nur einige Tage an, sondern oft über Wochen oder sogar Monate.

Sorgfältiger Umgang

Begegne einem Menschen mit einer Depression mit besonderer Behutsamkeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass du ihn völlig anders behandeln solltest als Menschen ohne Depression. Ein künstlich verändertes Verhalten wirkt nicht authentisch und kann als nicht aufrichtig empfunden werden.

Menschen mit einer Depression sind häufig verletzlich. Ihnen fehlt eine Schutzschicht. Überlege dir gut, was du sagst und wie du es sagst – wobei dies grundsätzlich für jeden respektvollen Umgang miteinander gilt.

Besonders wichtig ist Verbindlichkeit. Wenn du sagst: «Ich bin für dich da» oder «Ich bin deine Freundin», dann sollte dies ehrlich gemeint sein und sich auch in deinem Handeln widerspiegeln. Aussagen, die lediglich trösten sollen, ohne dass echte Überzeugung oder Bereitschaft dahintersteht, können das Vertrauen eines Menschen mit Depression nachhaltig erschüttern. Authentizität und Verlässlichkeit sind deshalb von grosser Bedeutung.

Nicht vorschnell urteilen

Menschen im Umfeld einer betroffenen Person machen sich häufig ein vorschnelles oder einseitiges Bild von den Ursachen einer Depression. Tatsächlich sind die Hintergründe jedoch meist komplex.

Nur wenn du einer betroffenen Person über längere Zeit sehr nahestehst, ihr aufmerksam zuhörst und sie über Wochen oder Monate einfühlsam begleitest, kannst du dir ein annähernd realistisches Bild davon machen, welche Faktoren und Einflüsse zusammenspielen. Andernfalls ist es sinnvoll, auf Vermutungen zu verzichten.

Vermeide es zudem, vorschnell von «Überforderung» zu sprechen. Dieser Begriff kann wertend wirken und den Eindruck vermitteln, die betroffene Person habe ihr Leben nicht im Griff. Aus meiner Sicht beschreibt «(emotionale) Überlastung» die Situation oft treffender, da der Fokus stärker auf den Umständen liegt und nicht einseitig bei der Person.

Ebenso wichtig ist es, mit anderen Menschen nicht über Vermutungen zu den Ursachen einer Depression zu spekulieren. Solche Gespräche fördern leicht Vorurteile und falsche Vorstellungen über die betroffene Person.

Manche Menschen bringen aufgrund ihrer Persönlichkeit oder einer genetischen Veranlagung ein erhöhtes Risiko für eine Depression mit. Sie sind besonders herausgefordert, mögliche Einflussfaktoren im Auge zu behalten. Einer Depression gehen häufig eine Fülle und Dichte an (emotional) herausfordernden Ereignissen voraus. Allerdings lassen sich nicht alle Faktoren vorhersehen oder vermeiden. Es ist daher wichtig, sich bewusst zu machen, dass Menschen mit einer Depression trotz grösstmöglicher Selbstverantwortung von einer Intensität an Emotionen überwältigt werden können, die selbst scheinbar stabile Menschen unter vergleichbaren Umständen straucheln lassen könnten.

Deshalb gilt: Eine Depression ist nicht per se Ausdruck von Identitätsproblemen oder eines verzerrten Selbstbildes. Eine differenzierte Betrachtungsweise trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen.

Auf Augenhöhe bleiben

Begegne einem Menschen mit einer Depression stets auf Augenhöhe. Eine Depression macht einen Menschen nicht weniger wertvoll und definiert ihn nicht als Person.

Manchmal entsteht im Umfeld unbewusst die Haltung, dass die depressive Person vor allem aus Problemen besteht oder dass man selbst «stärker» sei, weil das eigene Leben im Vergleich besser zu funktionieren scheint. Eine solche Sichtweise schafft Distanz und verhindert echte Begegnung.

Eine Depression entsteht häufig durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Sie kann grundsätzlich jeden Menschen treffen. Es ist wichtig, nicht nur die Depression zu sehen, sondern den Menschen dahinter.

Jeder Mensch trägt seine eigenen Herausforderungen und Belastungen – unabhängig davon, ob diese von aussen sichtbar sind oder nicht. Manche sind grösser, manche kleiner. In einem angemessenen Rahmen kann es hilfreich sein, auch von den eigenen aktuellen Belastungen oder Schwierigkeiten zu erzählen – ohne damit eine Bewältigungsstrategie zu präsentieren. Dadurch kann das Gefühl gemildert werden, sich mit seinen Herausforderungen allein zu fühlen. Gedanken wie «Mit mir stimmt etwas nicht», «Ich bin die Einzige» oder «Ich genüge nicht» verlieren dadurch mitunter an Kraft.

Leben Menschen mit Depressionen in einer unrealistischen „Bubble“?

Die klassische Depression hat in der Regel nichts mit einer unrealistischen Wahrnehmung der Realität zu tun. Im Gegenteil: Viele Menschen mit einer Depression nehmen ihre Umwelt durchaus realistisch wahr. Allerdings kann die Funktionsstörung dazu führen, dass herausfordernde Erfahrungen intensiver erlebt werden.

Achte auf deine Formulierungen und deine Wortwahl

„Melde dich einfach, wenn du Hilfe brauchst.“

Dieser Satz kann einer depressiven Person vermitteln: „Wenn du Hilfe möchtest, musst du selbst den ersten Schritt machen.“ Für viele Betroffene ist genau das jedoch eine grosse Hürde. Die nötige Kraft, Unterstützung zu organisieren oder aktiv darum zu bitten, fehlt oft. Zudem möchten viele niemandem zur Last fallen.

Deshalb ist es hilfreicher, konkrete Unterstützung anzubieten oder Hilfe aktiv zu organisieren. Die Hoffnung, dass es von selbst wieder besser wird, ist oft grösser als die Energie, die nötig wäre, um Hilfe zu suchen. Die vorhandene Kraft wird meist für das tägliche Überleben benötigt.

Ebenso wichtig ist, dass die betroffene Person spürt, dass das Angebot ernst gemeint ist und die helfende Person sich gerne Zeit für praktische Unterstützung nimmt – idealerweise regelmässig über mehrere Wochen.

„Es macht mich traurig, dass du denkst, nichts zu können.“

Achte darauf, mit deinen Aussagen keine Gefühle wie Schuld, Scham oder das Gefühl, andere zu enttäuschen, auszulösen oder zu verstärken. Formulierungen, die den Fokus auf die vermeintlichen Defizite der betroffenen Person legen, können ungewollt belastend wirken.

Hilfreicher ist es, die Person konkret und glaubwürdig in ihren Stärken zu bestärken. Benenne, was sie aus deiner Sicht gut kann oder was du an ihr schätzt. Echtes, konkretes und situationsbezogenes positives Feedback kann dazu beitragen, den Blick auf vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen wieder etwas zu öffnen.

„Vielleicht solltest du deine Identität oder Fragen der Versöhnung prüfen.“

Vermeide es, einer depressiven Person vorschnell Anregungen zu geben, sich noch intensiver mit ihrer Identität oder allenfalls ungeklärten Lebensthemen auseinanderzusetzen – unabhängig davon, ob sie sich gerade in einer Depression befindet oder diese erst vor Kurzem überwunden hat.

Wenn du die Person nicht über Wochen oder Monate eng begleitet, ihr Leiden mitgetragen und ausgehalten hast, können solche Impulse zum falschen Zeitpunkt kommen. Menschen mit einer Depression haben sich in der Regel bereits unzählige Male selbst hinterfragt und geprüft. Weitere Aufforderungen zur Selbstreflexion können den inneren Druck eher verstärken als entlasten.

Falls dir ein geistlicher oder persönlicher Impuls sehr am Herzen liegt, ist es hilfreicher, die Person zunächst zu fragen, ob sie ihn überhaupt hören möchte. Zum Beispiel: „Hättest du Lust, einmal auf einen Kaffee zu gehen? Ich habe einen Gedanken, den ich gerne mit dir teilen würde – nur wenn du das möchtest.“ Diese Haltung respektiert die Grenzen und die Selbstbestimmung der betroffenen Person.

Depressive Menschen erleben das Gefühl, nicht zu genügen, oft besonders intensiv. Begegne ihnen deshalb auf Augenhöhe und nicht aus einer belehrenden Haltung.

Wenn es zur Person passt, könnte ein ermutigender Impuls beispielsweise so lauten:

„Ich kann nachvollziehen, dass sich das Gefühl, nicht zu genügen, für dich sehr real anfühlt. Dieses Empfinden kennen wir Menschen in unterschiedlicher Weise alle. Ich glaube, dass der himmlische Papa uns bei unserem Namen gerufen hat. Durch Jesus Christus dürfen wir uns bedingungslos von unserem himmlischen Papa angenommen wissen und uns vertrauensvoll in seine Arme fallen lassen.“

„Geht’s eigentlich noch!“

Vermeide abwertende oder vorwurfsvolle Reaktionen. Während einer Depression verschieben sich die Prioritäten häufig grundlegend. Vieles, was für andere selbstverständlich erscheint, tritt für die betroffene Person in den Hintergrund. Der Alltag besteht oft vor allem daraus, die eigenen begrenzten Kräfte so einzuteilen, dass das Nötigste überhaupt bewältigt werden kann.

Die Person richtet ihren Tagesablauf vollständig nach der vorhandenen Energie aus. Je nach Lebenssituation kann dieses ständige Abwägen und Einteilen der Kräfte enorm belastend sein. Aufgaben oder Verpflichtungen, die nicht unmittelbar existenziell erscheinen, bleiben deshalb manchmal liegen – nicht aus Gleichgültigkeit oder mangelndem Willen, sondern weil die Kraft dafür schlicht nicht ausreicht.

Schimpftiraden, Vorwürfe oder verletzende Bemerkungen können starke Gefühle von Scham, Schuld oder Wertlosigkeit auslösen und eine depressive Krise erheblich verschärfen. Bei manchen Betroffenen können sie sogar Suizidgedanken verstärken. Deshalb sind solche Reaktionen ein absolutes No-Go. Menschen mit einer Depression verfügen in solchen Momenten oft nicht über die inneren Ressourcen, um solche emotionalen Belastungen aufzufangen.

„Ich ziehe meine Grenze. Du musst jetzt für dich selbst verantwortlich sein.“

Grenzen zu setzen kann notwendig und wichtig sein. Bevor du jedoch eine Unterstützung abrupt beendest, prüfe sorgfältig, wo das grössere Risiko liegt: Ist es verantwortbar, die depressive Person von heute auf morgen ohne ausreichende Anschluss- oder Übergangslösung allein zu lassen? Oder ist es möglich, das eigene Gefühl von Überlastung noch für eine begrenzte Zeit auszuhalten und gemeinsam eine tragfähige Lösung zu organisieren?

Ungeduld, unangemessene Erwartungen oder zu schnelle Schritte können die Negativspirale verstärken, indem sie zusätzliche Schuld- und Versagensgefühle auslösen. Viele depressive Menschen erleben sich ohnehin als Belastung für andere. Wenn sie spüren, dass ihr Unterstützungsnetz zunehmend die Geduld verliert, kann dadurch ein enormer innerer Druck entstehen.

Wenn Unterstützungspersonen an ihre eigenen Grenzen kommen, sind deshalb sorgfältig geplante Übergangs- und Anschlusslösungen besonders wichtig. Es geht nicht darum, sich selbst aufzugeben, sondern darum, Verantwortung bewusst zu gestalten.

Vermittle der betroffenen Person nicht den Eindruck, dass möglichst schnell eine Lösung gefunden werden muss, damit sie wieder in den „normalen Alltag“ zurückkehren kann. Natürlich ist die Rückkehr zu mehr Selbstständigkeit ein langfristiges Ziel. Gleichzeitig ist es eine Realität, dass Depressionen Zeit benötigen und sich über längere Zeiträume hinziehen können.

Eine der wertvollsten Erfahrungen für einen depressiven Menschen kann sein: „Ich bin von Herzen für dich da. Ich halte diese Zeit mit dir aus und gehe ein Stück des Weges mit dir – auch wenn es mehrere Wochen oder Monate dauert.“ Diese Verlässlichkeit kann eine grosse Entlastung und Ermutigung sein.

Wenn du Unterstützung zusagst, dann tue dies bewusst und mit einem realistischen Blick auf den benötigten Zeitraum. Berücksichtige dabei auch den organisatorischen Aufwand.

Je nach Lebenssituation entstehen für depressive Menschen zahlreiche Schnittstellen zwischen Unterstützungspersonen, Fachstellen, Familienmitgliedern und weiteren Beteiligten. Schon die Koordination dieser Kontakte kann eine grosse zusätzliche Belastung darstellen. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, wenn eine Person die Koordination übernimmt, Informationen bündelt und als verbindliche Ansprechperson unterstützt.

„Wie geht es dir?“

Diese Frage ist im Alltag oft als freundliche Floskel gemeint. Dennoch kann sie für viele Menschen leer oder wenig hilfreich wirken – nicht nur für Menschen mit Depressionen. Deshalb lohnt es sich, bewusster zu fragen und echtes Interesse zu zeigen.

Frage eine depressive Person nicht nur nach ihrem Ergehen, um Neuigkeiten zu erfahren.

Eine solche Frage kann zudem Druck erzeugen, weil die Person womöglich das Gefühl bekommt, ihr Befinden erklären oder eine bestimmte Antwort geben zu müssen.

„Bist du wieder du selbst?“

Diese Frage ist bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, kann für eine depressive Person jedoch irritierend wirken. Während einer Depression hat die betroffene Person meist nicht das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein.

Erst mit etwas Abstand erkennen manche Betroffene, dass sie beispielsweise gereizter oder zurückgezogener waren als in ihrem üblichen Zustand. Die Frage „Bist du wieder du selbst?“ kann jedoch unbeabsichtigt den Eindruck vermitteln, dass die Person während der Depression nicht sie selbst gewesen sei oder hauptsächlich über die Funktionsstörung definiert wird.

Hilfreicher ist es, die Person als ganzen Menschen wahrzunehmen und nicht nur durch die Perspektive der Depression zu betrachten.

„Wie haben es nur die Mütter früher geschafft?“

Solche Aussagen helfen einer depressiven Person nicht weiter. Sie können den Eindruck vermitteln, dass die heutigen Herausforderungen nicht ernst genommen werden oder dass man sich einfach mehr anstrengen müsste.

Dabei hat sich die Lebensrealität stark verändert. Der Unterschied zwischen den Generationen ist heute so gross wie kaum zuvor. Arbeitswelt, Familienstrukturen sowie gesellschaftliche Erwartungen unterscheiden sich deutlich von früheren Zeiten. Ein Vergleich mit vergangenen Generationen wird der individuellen Situation eines Menschen nicht gerecht.

„Versuche einfach, das Positive zu sehen.“

Eine Aufforderung, positiver zu denken, kann zusätzlichen Druck erzeugen, weil sie unbeabsichtigt vermittelt: „Du musst deine Einstellung nur ändern.“

Hilfreicher ist es, die Person beispielsweis zu fragen: „Möchtest du, dass wir gemeinsam überlegen, was dir im Moment guttun würde?“

Noch besser sind konkrete Angebote: ein gemeinsamer Spaziergang, eine Massage buchen oder eine praktische Unterstützung, die Entlastung und einen wohltuenden Moment schaffen kann.

Bei einer Depression geht es oft nicht darum, einfach das Positive zu erkennen, sondern darum, mit Unterstützung Schritt für Schritt wieder Zugang dazu zu finden.

Der Kampf mit dem Umfeld

Menschen mit Depressionen neigen häufig dazu, sich zurückzuziehen, um ihre begrenzten Kräfte zu schonen. Ein unangemessener Umgang aus dem Umfeld kann diesen Rückzug jedoch verstärken.

Depressive Menschen haben oft nicht die Energie, sich zusätzlich mit verletzenden Kommentaren, gut gemeinten, aber unpassenden Ratschlägen oder Erwartungen auseinanderzusetzen. Solche Erfahrungen können die Negativspirale verstärken und den Weg aus der Funktionsstörung zusätzlich erschweren.

Psychotherapie hilft nur bedingt, wenn das Umfeld die Spirale wiederkehrend in die entgegengesetzte Richtung dreht.

Tiefgehende oder persönliche Impulse sind vor allem dann hilfreich, wenn sie von Menschen kommen, die über längere Zeit mit echtem Interesse, Geduld und Diskretion an der Seite der betroffenen Person stehen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Absicht, sondern auch die Beziehung und das Vertrauen, das über Zeit entstanden ist.

Alle anderen dürfen vor allem eines tun: präsent bleiben, die Person als Menschen sehen und praktische Unterstützung anbieten. Manchmal ist genau diese verlässliche und unkomplizierte Hilfe das Wertvollste, was man geben kann.

Erstelle deine eigene Website mit Webador