
Erziehen oder formen?
Beide Begriffe lösen möglicherweise etwas völlig Unterschiedliches aus. Was löst das Wort «erziehen» bei dir aus? Vielleicht das Bild eines starren Rahmens: Ein Mensch soll in eine bestimmte Form passen und darin funktionieren.
«Formen» hingegen klingt weicher. Nach Begleitung. Nach Entwicklung. Nach etwas, das entstehen darf.
Jeder Mensch ist individuell. Vielleicht lässt sich das mit Kunst vergleichen: Ein wertvolles Material wird sorgfältig geformt und geschliffen, damit ein originelles Kunstwerk entsteht.
Wir ziehen unsere Kinder auf: Wir versorgen sie mit Essen, Kleidung und einem sicheren Zuhause. Doch wie begleiten wir sie darüber hinaus?
Was wirkt stimmiger?
Einen kleinen Menschen in eine bestimmte Richtung zu (er-)ziehen – damit er Erwartungen und Vorstellungen erfüllt und ins System hineinpasst?
Oder ihn in einem tragenden, aber weichen Rahmen zu formen und begleiten, damit er sein eigenes Potenzial bestmöglich entfalten kann?
Wie denkst du darüber?
Welchen Erziehungs- bzw. Formungsstil lebt ihr in eurer Familie?
Das Thema scheint ein Tabu zu sein. Vielleicht, weil viele Eltern unsicher sind: Was ist richtig? Wo braucht es Orientierung, wo Freiheit? Wie viel Führung, wie viel Individualität? Dazu kommt der gesellschaftliche Druck. Eltern haben Angst zu scheitern und den heutigen Erwartungen nicht zu genügen. Sie fürchten einen sozialen Abstieg, wenn sie an ihre menschlichen und strukturellen Grenzen kommen.
Heutige Eltern bewegen sich in einem enormen Spannungsfeld:
Zwischen der eigenen Prägung und den heutigen Idealen. Zwischen dem, was wir selbst erlebt haben, und dem, was wir weitergeben möchten.
Viele von uns wurden noch autoritär erzogen. Frühere Generationen mussten oft funktionieren und überleben – für Emotionen blieb wenig Raum. Strenge und Disziplin galten als selbstverständlich. Diese Prägungen wirken bis heute nach: Sensitivität wird teilweise noch als Schwäche verstanden, emotionales Begleiten als «Verwöhnen» abgewertet etc.
Die jungen Generationen sind nicht verweichlicht – sie sind reflektiert und stehen schlicht vor anderen Herausforderungen.
Moderne Erziehungsstile wie bedürfnisorientiert, anleitend oder autoritativ verlangen: Kommunikationsfähigkeit, emotionale Präsenz und die Fähigkeit, Gefühle auszuhalten und regulierend zu begleiten. In der Theorie wirken diese Ansätze erstrebenswert – im Spannungsfeld der Realität können sie jedoch zur Herkulesaufgabe werden. Gerade dann, wenn Eltern ohnehin erschöpft sind, weil sie an strukturelle und menschliche Grenzen stossen. Verinnerlichte Muster nicht einfach weiterzugeben, kostet Kraft. Deshalb tappen Eltern umso mehr in die Falle, die eigenen Gefühle selbst nicht wunschgemäss regulieren zu können. Das wiederum verstärkt oft Schuldgefühle – ein Teufelskreis.
Ab dem 1. Juli 2026 wird gewaltfreie Erziehung in der Schweiz gesetzlich verankert, gleichzeitig werden die Beratungsangebote für Eltern ausgebaut. Doch reicht mehr Wissen allein wirklich aus für die Generation der «Gamechanger»-Eltern?
Sind klassische Elternkurse und Beratungsangebote überhaupt noch zeitgemäss? Oder braucht es neue Formen? Viele junge Eltern sind heute reflektiert, informieren sich über Social Media und das Internet und setzen sich intensiv mit ihrer Elternrolle auseinander. Zudem sind Kurse auch immer eine Frage der Finanzierung und Kapazität. Vielleicht wäre deshalb ein erschwinglicher Vorbereitungskurs bereits während der Schwangerschaft sinnvoll – damit Eltern mit solidem Grundwissen ausgerüstet sind und ein kompaktes, alltagstaugliches Nachschlagewerk erhalten. Und wenn dieses in akuten Situationen nicht ausreicht, kann immer noch gezielt Beratung in Anspruch genommen werden.
Und vielleicht müssten wir die Frage anders stellen:
Nicht zuerst: «Was brauchen Kinder?»
Sondern: «Was brauchen Eltern, damit sie ihre Kinder gut begleiten können?»
Sind die Strukturen gegeben, damit Eltern ihre Kinder zielführend begleiten können? Denn wenn die Strukturen nicht stimmen, nützen auch Wissen und gut gemeinte Strategien oft wenig.
Was Familien in den sensiblen Baby- und Kleinkindjahren nebst Basicwissen stärkt, sind praktische, finanzierbare, nachhaltige Unterstützungsangebote, mentale Entlastung, echte Anteilnahme und geschützte Räume, in denen auch Unsicherheit, Erschöpfung und Überforderung Platz haben dürfen – ohne sofort bewertet zu werden oder Ratschläge zu erhalten. Denn oft verändert schon weniger Stress den Umgang innerhalb der Familie spürbar.
Manche Menschen erleben «mentale Umsorgung» bereits in stabilen Beziehungen und einem tragenden Umfeld. Doch das ist nicht selbstverständlich. Oft fehlt gerade von älteren Generationen das Verständnis für moderne Elternschaft und das Spannungsfeld, in dem sich junge Familien heute bewegen.
Zudem sollte vielleicht auch ein ehrlicherer Umgang mit dem Thema «Scheitern» mehr Raum erhalten. Denn Scheitern gehört zum Menschsein – und damit auch zum Familienalltag. Das ständige streben nach möglichst-alles-richtig-machen ermüdet zusätzlich.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Eltern oder Kinder Fehler machen, sondern wie eine Familie mit Unvollkommenheit umgeht. Wie gelingt es, aus schwierigen Momenten und festgefahrenen Mustern Entwicklung und Wachstum innerhalb der Familie zu kultivieren – anstelle Distanz, schwelenden Wunden und destruktiven Familiendynamiken?
Familien brauchen nicht Knowhow, um alles richtig zu machen, sondern tragfähige Umgangsformen für das tägliche Scheitern. Formen des Miteinanders, die trotz Konflikten und Überforderung Verbindung ermöglichen. Eine gesunde Fehlerkultur. Wenn Scheitern im Leben seinen Platz haben darf, ist dies die effektivste Grundlage, um sich immer wieder von neuem seiner Verantwortung bewusst zu werden und mögliche Strategien, Ziele, Ratschläge und Lösungen zielführend in den Familienalltag zu integrieren.
Wenn jede gescheiterte Situation auch eine Chance für Entwicklung sein kann, dann braucht es vor allem Geduld, Unterstützung, Ermutigung und Mitgefühl – nicht vorschnelle Bewertung oder einfache Lösungen.
Kostenlose Angebote wie MomMentalCare oder MomsTalk (bei Interesse gleich das Kontaktformular ausfüllen 😊) könnten dazu beitragen, Mamas stärkend durch die Veränderungswelle zu begleiten – und die Familiendynamik positiv zu beeinflussen.
Was ist deine Meinung?
Was brauchen heutige Eltern wirklich, um ihre Kinder im oft herausfordernden Familienalltag bestmöglich zu begleiten und zu formen?
Und woher nimmst du selbst Inspiration für deinen Erziehungsstil?
Herzliche Einladung zum Talk am Freitag, 19. Juni 2026 um 19.30 Uhr in Huttwil. Anmeldung bis am 18. Juni möglich.
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